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Reina und Ernst Melis
Widerstandskämpfer gegen den Hitler-Faschismus
(Kurzbiographie)
Alle Angaben sind Aufzeichnungen des Nachlasses von Ernst und Reina Melis entnommen. Wenn unterschiedliche Fakten zu einem Vorgang vorliegen, werden sie zusätzlich in Klammern aufgeführt.
(Q.: u.a. handschriftlicher Lebenslauf, 18.12.1947, 2.12.1949; Interview DRAFD, November 2007, S. 2–5)
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Ernst Wilhelm Melis,
geb. am 5.3.1909 in Kassel, gest. am 31.8.2007 in Berlin;
Ernst Melis 1909–1938
Vater: Cyriakur Wilhelm Konrad Melis, Schlosser von Beruf, seit 1906 Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMAV), seit 1909 Mitglied der SPD und 1917 Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), 1918 bis 1920 Mitglied des Arbeiterrates, starb 1920;
Mutter: Marie Melis, geb. Nolte, Landarbeiterin; nach dem Tod ihres Mannes Reinemachefrau bei Henschel u. Sohn, 1920 bis 1921 Mitglied der SPD, dann Mitglied der KPD; im März 1933 von den Nazis in Schutzhaft genommen, nach 1945 wieder Mitglied der KPD, Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Hessen, starb am 17.2.1959.
Ernst M. besuchte von 1915 bis 1923 die achtklassige Volksschule; danach Dreherlehrling in den Optischen Werken A.G. bzw. Motorenfabrik Bitter und Co. in Kassel, zugleich Besuch der kaufmännischen Handelsschule, Eintritt in den DMVA, war in der Lehrlingsabteilung (80 bis 100 Lehrlinge) Jugendvertrauensmann, u.a. ist er mehrfach gegen Misshandlungen von Lehrlingen aufgetreten; wegen Opposition gegen die reformistische Ortsverwaltung 1929 Ausschluss aus dem DMVA, ab 1932 Mitglied der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO)
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Reina Henriette Wessels,
geb. am 4.4.1915 in Amsterdam, gest. am 20.1.2001 in Berlin;
Reina Wessels(-Melis) 1915–1938
Vater: Jacob Wessels, geb. am 14.5.1882, Kaufmann und Besitzer
eines Tabakgeschäftes, wegen jüdischer Abstammung am 19.11.1943 in Auschwitz ermordet;
Mutter: Schoontje Wessels-Stoppelman, geb. am 24.7.1886, ebenfalls wegen jüdischer Abstammung am 19.11.1943 in Auschwitz ermordet;
Reina hatte zwei Brüder: Mozes und Louis. Letzterer ist am 11.2.1944 in Auschwitz umgekommen; insgesamt sind dort 14 Wessels väterlicher- und mütterlicherseits „gestorben“, so die Auskunft durch das Internationale Rote Kreuz.
Reina besuchte die Mittelschule und erlernte den Beruf einer Säuglingsschwester, Mitglied der Pfadfinderorganisation, 1936 (Hamacher, S. 140: 1937) Mitglied der Kommunistischen Partei der Niederlande (CPN); 1937 aktive Arbeit in der Kinderhilfe für das republikanische Spanien; tätig als Verkäuferin in der Buchhandlung der CPN;
Reina, die Annie Aveling (führendes Mitglied der CPN) nach Paris begleitete , lernte dort Ernst Melis kennen; Ende April oder Anfang Mai 1939 bezogen sie gemeinsam in Paris eine Wohnung. |
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von 1927 bis 1929 im Motorenwerk Bitter u. Co. in Kassel als Dreher tätig, 1927 Eintritt in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD), organisierte im Motorenwerk die Jugendbetriebszelle des KJVD; Februar 1928 in die Bezirksleitung des KJVD kooptiert, 1929 Wahl in dieses Gremium, Ende 1928 zur 4. Reichsschule des KJVD „Rosa Luxemburg“ in Dresden delegiert, danach Organisationsleiter der Bezirksleitung des KJVD;
seit Anfang 1928 Mitglied der KPD, Zellenkassierer, 1929 Stadtteilkassierer, 1930 gewähltes Mitglied der KPD-Bezirksleitung Hessen-Waldeck;
1929 wegen antimilitaristischer Tätigkeit verhaftet, führte zur Entlassung aus dem Betrieb, Verfahren wegen Hochverrat aber eingestellt;
1930 zuerst ehrenamtliche, dann besoldete Unterstützung des Organisationssekretärs der KPD-Bezirksleitung, 1930 Mitglied des Militärapparates (AM) der KPD, um in der Polizei und Reichswehr politische Arbeit zu leisten, 1932 sein Leiter von Hessen-Waldeck;
Juni 1931 erneute Verhaftung, da verantwortlich für eine Demonstration, bei dem ein Polizist erschossen wurde; dem Antrag des Staatsanwaltes – 7 Jahre Zuchthaus wegen vorsätzlicher Tötung – hat das Gericht wegen Mangel an Beweisen nicht entsprochen; Verurteilung wegen Landfriedensbruch zu 1 Jahr Gefängnis; wegen drohendem Berufungsverfahren Beschluß der Partei, in die Illegalität zu gehen;
Herbst 1932 Mitarbeiter des Sekretariats der KPD-Bezirksleitung Niedersachsen, u.a. verantwortlich für die Vorbereitung der Illegalität; nach Machtübertragung an Hitler 1933 illegale Parteiarbeit in Hannover, wegen Massenverhaftungen durch die Gestapo, Weihnachten 1933 auf Weisung der Partei illegal in die Niederlande emigriert und von dort nach Paris;
Delegierung nach Moskau zum Studium an der Lenin-Schule der Kommunistischen Internationale (KOMITERN) von 1934 bis Ende 1935, danach u.a. Mitarbeiter bei Herbert Wehner zur Auswertung ausländischer Zeitungen (mündliche Mitteilung an F.M.), ab 1936 am Moskauer Rundfunk für deutsche Sendungen tätig gewesen;
1937 als Journalist in der Redaktion der antifaschistischen „Deutschen Volkszeitung“ in Prag, wegen zuspitzender Gefahr für die Tschechoslowakei, die im Münchener Abkommen gipfelte, Übersiedlung der Redaktion November 1937 nach Paris.
Anfang 1938 lernte er in Paris seine Lebensgefährtin Reina Wessels kennen. Politische und ehrenamtliche Tätigkeit von Ernst Melis in der Sowjetischen Besatzungszone, in der DDR und BRD 1948–2007
Ab Januar 1948 Lehrer für Geschichte an der SED-Parteihochschule „Karl Marx“ in Kleinmachnow; 1950/1951 hauptamtlicher Parteisekretär an dieser Schule;
1951 bis 1957 Redaktionssekretär der theoretischen Zeitschrift „Einheit“ und danach bis 1979 stellvertretender Chefredakteur;
von 1953 bis 1989 Mitglied der Zentralleitung des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR;
1954 Kandidat, 1958 Mitglied der Zentralen Revisionskommission der SED;
1990 Mitglied der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS)
1992 Mitbegründer des „Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung ,Freies Deutschland’“ (DRAFD), bis 2007 Vorsitzender.
Auszeichnungen u.a.:
Membre d’Honneur Fédération national des Combattants prisonniers des guerre 1959
Karl-Marx-Orden 1979
Stern der Völkerfreundschaft 1984.
Ein Vorschlag, Ernst Melis für seine Verdienste als deutscher Widerstandskämpfer in Frankreich und als einer der Initiatoren des ersten gesamtdeutschen Verbandes von Antifaschisten anlässlich des 60. Jahrestages des Sieges über den Faschismus 2004 durch die Bundesrepublik Deutschland zu ehren, wurde abgelehnt. |
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Gemeinsames politisches Wirken und Leben
Reina W.-M. arbeitete als Gehilfin eines kommunistischen Abgeordneten der Nationalversammlung im Wahlkreisbüro des Pariser 19. Bezirks, am 16.10.1939 Verhaftung durch die Sicherheitspolizei (Suretè), Inhaftierung im berüchtigten Frauengefängnis „La Petite Roquette“, danach Transport in das Fraueninternierungslager Rieucros in Südfrankreich.
Ernst M. wurde nach Ausbruch des 2. Weltkrieges September 1939 kurzfristig im Stade Colombes (Sportstadion in Paris) interniert; am 14.5.1940 bei einer Militärrazzia verhaftet und Anfang Juni nach Tence (Haute Loire) in einer leerstehenden Textilfabrik arretiert, am 18.6.1940 angesichts des Vormarsches der deutschen Truppen Flucht aus dem Lager zusammen mit anderen deutschen Antifaschisten, zehntägiger Fußmarsch nach Mende und Freilassung von Reina in Rieucros mit Hilfe des niederländischen Konsuls in Toulouse bei den Behörden durchgesetzt;
seit Anfang Juli 1940 in Toulouse beim Aufbau der deutschen Widerstandsorganisation „Travail Allemand“ mitgewirkt, damit Verbindung zur Résistance und im Auftrag der Leitung zu polnischen und jüdischen kommunistischen Widerstandsgruppen aufgenommen; Flugblätter und Klebezettel hergestellt und für deutsche Soldaten an geeigneten Orten verteilt, u.a. auch ab 1941 Kontakt zur deutschen Besatzung des Flugplatzes bei Toulouse hergestellt, um die Stimmungslage zu erfassen.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion arbeitete Reina im „Travail Allemand“ mit; neben Verteilung von Flugblättern und Klebezetteln Erkundung der Stimmung unter den deutschen Truppen, außerdem registrierte sie die Zeiten der Wachablösungen und Rundgänge der Wachmannschaften der von den deutschen Truppen besetzten Betriebe, so u.a. ONI Chemieunternehmen, Sprengstofffabrik, Flugzeugwerk;
8.2.1942 Geburt des Sohnes François; der niederländische Konsul veranlaßte, dass das uneheliche Kind die niederländische Staatsangehörigkeit erhielt;
nach der Besetzung der „unbesetzten Zone“ in Südfrankreich durch die deutsche Armee unternahm Reina den Transport von illegalen Drucksachen mit Hilfe des Kinderwagens, im Juli (Lebenslauf: Mai) 1943 Verhaftung und Überführung in das Konzentrationslager Noë bei Toulouse zusammen mit ihrem Sohn; deutsche und französische Widerstandskämpfer organisierten Reinas Flucht, die Schweizer Kinderhilfe erreichte die Freilassung des Sohnes unter der Bedingung, dass er in ein Kinderheim in Annemasse unter Kontrolle der Präfektur kam.
Ernst, der in Toulouse und später in Lyon illegal lebte, gab mit einer deutschsprachigen Widerstandsgruppe ab 1942 regelmäßig die illegale Zeitung „Soldat am Mittelmeer“ bzw. „Soldat am Atlantik“ heraus; 1943, nach der Gründung des Nationalkomitees „Freies Deutschland für den Westen“ die Zeitungen „Unser Vaterland“ und „Der Ausweg“ sowie zahlreiche Flugblätter; darüber hinaus mit einem Ausweis als Handelsagent für die Hamburger Speditionsfirma Schenker & Co Kontakt mit Soldaten in Zügen von Lyon nach Carcassonne oder Biaritz aufgenommen.
Mit neuen Identitätspapieren reiste Reina in das Departement Aude; nach mehreren Zwischenstationen konnte sie in der Privatklinik von Dr. Dertheil in Carcassonne illegal unterkommen; dieser war Oberst und Aktivist in der von General De Gaules geführten Widerstandsorganisation. In der Klinik wurde ihr zweiter Sohn Charles André geboren; während ihres Aufenthalts in Carcassonne weitere illegale Arbeit, u.a. Verbreitung von Flugblättern und Verbindung zu einem Nachrichtensoldaten, der ihr wichtige Mitteilungen für die Résistance übermittelte.
Nach der Befreiung von Lyon am 3.9.1944 holte Ernst Reina und Charles aus Carcassonne in diese Stadt; François konnten sie erst nach bürokratischen Schwierigkeiten Ende Oktober (Interview: Sommer) aus Annemasse abholen;
Eine wichtige Aufgabe war in dieser Zeit die Herausgabe einer zentralen antifaschistischen Lagerzeitung für deutsche Kriegsgefangene in Südfrankreich.
März 1945 Rückkehr nach Paris, um die Redaktion der Zeitung der Bewegung „Freies Deutschland“ „Volk und Vaterland“ bis zu ihrem Verbot durch die französischen Behörden zu übernehmen; danach im Auftrag der CGT (Allgemeiner Gewerkschaftsbund Frankreichs) die Redaktion von drei antifaschistischen Zeitungen für etwas 60 000 deutsche Kriegsgefangene;
Ende 1947 Übersiedlung der Familie nach Deutschland. Literatur (u.a.): Résistance. Erinnerungen. Zusammengestellt und bearbeitet von Dora Schaul. Berlin 1973;
Karlheinz Pech: An der Seite der Résistance. Zum Kampf der Bewegung „Freies Deutschland“ für den Westen in Frankreich (1943–1945). Berlin 1974;
Franz Dahlem: Am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Erinnerungen. Berlin 1977.
Ulla Plener (Hrsg.): Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance. Eine Dokumentation. 2. durchgesehene, korrigierte und ergänzte Aufl. Berlin 2006;
Mechtild Gilzmer: Fraueninternierungslager in Südfrankreich. Rieucros und Brens 1939–1944. Berlin 1994.
Stefan Doernberg: Im Bunde der Feinde. Berlin 1995.
Gottfried Hamacher unter Mitarbeit von André Lohmer, Herbert Mayer, Günter Wehner und Harald Wittstock: Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung „Freies Deutschland“. Kurzbiographien. Berlin 2005.
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Berlin, August 2009
Charles und François Melis
Für Hinweise zu den Biografien: mail@drafd.de |
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