WIEN

…mit allen Sinnen.

 

- 5. Juni 2009 -

 

Noch mit Schlafsand in den Augen fuhren wir am Freitag in die österreichische Hauptstadt. Der erste Eindruck, den mir die Stadt vermittelte, wirkte nicht besonders einladend. Doch dies änderte sich spätestens als wir an dem pompösen Schloss Schönbrunn vorbeifuhren. Nachdem wir unsere Autos in einer Tiefgarage abgestellt hatten, machten wir uns auf den Weg ins jüdische Museum. Einigen von uns war das in Berlin bereits bekannt und wir waren gespannt auf das wienerische. Was als erstes auffiel, war natürlich die Größe, die mit Berlin gar nicht zu vergleichen ist. Doch auch das Museum an sich verfolgt ein anderes Ziel als das in Berlin. Hanna, die etwas forsch wirkende Frau, die uns durch das Museum leitete, stellte dies auch von Anfang an klar. Allgemein hatte sie eine andere pädagogische Herangehensweise als man es gewöhnt ist. Das war sehr erfrischend und regte zum Nachdenken an. Z.B. ob es wirklich so effektiv ist, die Besucher eines KZ durch das Leben eines KZ-Häftlings zu führen, mit ihnen die einzelnen Stationen von seiner Ankunft bis zu seinem Tode abzugehen. Hanna vertrat die Position, dass man die Gedenkstätte wie sie heute gestaltet ist, erkunden sollte. Denn wirklich verstehen und nachvollziehen könne niemand von heute, was die KZ-Gefangenen ertragen mussten. Unsere Führung endete in der Ausstellung „Typisch jüdisch – Klischees von Juden und Anderen“. Uns wurde bewusst, dass man die Dinge, nie einfach nur so sieht, wie sie sind, sondern immer mit dem Hintergrundwissen, was man hat. Mit unseren eigenen Vorurteilen und Klischees, auch wenn wir das eigentlich gar nicht wollen. Als wir gefragt wurden, was denn typisch jüdisch wäre, war unsere Zurückhaltung nur all zu offensichtlich. Was war erlaubt zu sagen? Wie kommt es, dass wir auch heute noch nicht „normal“ und locker mit Juden umgehen können? So wie mit anderen Bevölkerungsgruppen auch?

Danach gingen wir alle einkaufen. Jeder sollte etwas für sich in den Wagen legen, doch auch an die anderen denken. Gar nicht so einfach wie sich herausstellen sollte. Voll bepackt mit leckeren Sachen setzten wir uns in den wunderschönen Volkspark. Das war eines der lustigsten Picknicke, die ich je erlebt habe. Die Sonne schien und das Essen wurde je nach Bedarf rumgereicht oder –geworfen. Mit pappsattem Bauch fläzten wir uns auf die grüne Wiese und die Sonne lachte uns ins Gesicht. Herrlich.

Doch für ein Mittagsschläfchen war keine Zeit. Weiter gingen wir in das Dokumentationsmuseum des Österreichischen Widerstandes. Ein junger Mann erläuterte uns die Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich. Besonders interessierte uns, wie Österreich nach dem Krieg mit seinen Verbrechen und Verbrechern umging. Sie schlüpften in die Rolle des Opfers und taten eher unschuldig, als anzuerkennen, dass auch sie Mittäter waren. Des Weiteren war es interessant zu erfahren, wie das rechte Gedankengut auch hier immer mehr Anhänger findet.

Im Anschluss konnten wir in Gruppen die Stadt auf eigene Faust erkunden. Gina und ich wollten eigentlich ein kleines Cafe suchen um gemütlich einen Wiener Kaffee zu genießen. Doch die Stadt bot so viel zum Angucken, sodass wir doch lieber umherschlenderten und die Stadt mit ihrer Atmosphäre, ihren Bewohnern und den vielen Touristen auf uns wirken ließen. Vorbei am „Mann, der verwöhnt“, an der Wiener Hofreitschule und am alten Goethe, der uns verschmitzt zuzwinkerte, wir sind uns da ganz sicher. Munteres Hufgetrappel, das von den vielen Pferden, die faule Touristen durch die Stadt kutschierten, kam, begleitete uns durch ganz Wien. Noch einmal spazierten wir durch den duftenden Rosengarten und blieben noch einmal andächtig vor Wolfgang Amadeus Mozart stehen. Trotzdem wir uns kurzzeitig etwas verlaufen hatten, fanden wir uns doch wieder alle pünktlich vor der Wiener Oper ein.

(Sina)