Elke Reinke und Vera Malysheva

Elke Reinke von der Partei Die Linke übergibt Vera Malysheva einen Reiseführer von Griechenland. Die 15-Jährige hat die Reise für ihre Kurzgeschichte «Sieh mich an!», die sie für den Wettbewerb «Zivilcourage vereint» eingereicht hatte, gewonnen. (MZ-Foto: Frank Gehrmann)

 

 

Kurzgeschichte sorgt für Gänsehaut

Vera Malysheva gewinnt Griechenlandreise mit ihrem Beitrag für Wettbewerb «Zivilcourage vereint»

von Susanne Weihmann, 05.05.08

Aschersleben/MZ. Als sich Vera Malysheva vor einigen Wochen hinsetzte und die Geschichte "Sieh mich an!" [hier gehts zur vollständigen Geschichte] aufschrieb, dachte sie nicht daran, damit einen Preis zu gewinnen. Daher freute sich die Schülerin aus Aschersleben sichtlich, als ihr Elke Reinke von der Linkspartei die Nachricht überbrachte, dass sie eine Reise nach Griechenland gewonnen habe.

In der Kurzgeschichte geht es um eine junge Russin, die mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen ist. Die beiden leben sich ein, Rita findet Freunde in der Schule. Doch nicht alle in der Klasse mögen die Fremde - allen voran Stefan. Immer wieder bekommt Rita Hassbriefe und schließlich lauern ihr und ihrer Freundin Lisa Stefans Freunde auf. Die junge Russin wird verprügelt und fällt auf einen Häuservorsprung. Viele Leute gehen vorbei, doch alle schauen weg. Die Geschichte, die aus der Sicht der Freundin Lisa erzählt wird, hat kein Happy End: Rita erliegt ihren Verletzungen. Es ist zwar nur eine Geschichte, aber sie könnte auch wirklich passiert sein.

Mit "Sieh mich an!" hatte sich Vera Malysheva am bundesweiten Wettbewerb "Zivilcourage vereint" von der Partei Die Linke beteiligt. Jugendliche zwischen 16 und 26 Jahren waren bis zum 16. März aufgerufen, Projekte gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu konzipieren und zu realisieren. Das konnten Internetseiten, Songs, Video-Clips oder eben Geschichten sein, die eine Jury letztlich auswerteten und prämierten.

Die Idee zu ihrer Geschichte hatte sie schon länger, erzählt die 15-Jährige, die in ihrer Freizeit öfter Gedichte und kleine Geschichten schreibt. Doch bisher hatte sie nicht den Mut gehabt, die Geschichte von Rita aufzuschreiben. Der Wettbewerb, von dem sie aus der Zeitung erfahren hatte, hat schließlich den Anstoß gegeben. In etwa zwei bis drei Wochen hat die 15-Jährige die Geschichte aufgeschrieben. Beim Lesen habe sie richtig Gänsehaut gehabt, sagt Elke Reinke, Mitglied im Bundestag, von der Partei Die Linke. Wegen dieser Authentizität habe man sich auch unter den gut 15 Beiträgen, die im Bereich Aschersleben und Halberstadt eingereicht wurden, für Veras Geschichte entschieden, erklärt Frau Reinke.

Man sehe ja immer wieder solche Bilder, wo Ausländer verprügelt werden und Menschen einfach wegsehen, sagt Vera. Während sie ihre Geschichte geschrieben hat, habe sie beispielsweise den brutalen Überfall auf die Schauspieler in Halberstadt vor Augen gehabt. "Die Geschichten kommen dann einfach in den Kopf, wenn man darüber nachdenkt", sagt sie. Vieles spiele sich da auch im Unterbewusstsein ab. Sie beschäftige sich auch deshalb viel mit der Problematik, weil sie selber "Ausländer" sei, erläutert Vera. Vor fünf Jahren kam sie aus Kiew nach Deutschland. Ihre Mutter hatte davor schon in Deutschland gearbeitet.

Sie habe ihre Mutter dann öfter besucht. "Ein halbes Jahr bin ich dann in Gatersleben auch schon in die Grundschule gegangen", erzählt Vera in akzentfreiem Deutsch. "Wenn man kleiner ist, lernt man die Sprache schnell. Man möchte sich ja auch verständigen", erklärt die 15-Jährige. Die gebürtige Ukrainerin, die die 9. Klasse des Stephaneums besucht, hat bisher noch keine Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit gemacht. Sie fühlt sich in Aschersleben wohl, hat Freunde gefunden.

Dennoch habe sie sich schon oft Gedanken darüber gemacht, "was wäre, wenn die Leute hier nicht nett wären". Und eigentlich, sagt sie, ist nicht die Fremdenfeindlichkeit das Problem. "Viel schlimmer ist die Gleichgültigkeit der Leute", sagt die Schülerin nachdenklich und hofft, dass ihre Geschichte keine negativen Auswirkungen hat.

Vera freut sich aber auf die Reise und ist schon neugierig auf die anderen Preisträger. "Ich war noch nie in Griechenland", sagt sie. Im Oktober wird sie dort mit den rund 20 weiteren Gewinnern aus ganz Deutschland auf Zeitzeugen des Widerstands während der NS-Zeit treffen und Orte des antifaschistischen Widerstands sehen.